Beitragsbild "Referenzsystem "Torabschluss" von Boris Laaser

Das Referenzsystem beim Torabschluss

Ein Fußballtor ist 7,32 Meter breit, von den Innenkanten der Pfosten gemessen. Das ist eigentlich eine ganze Menge Platz, um das Spielgerät Ball zu versenken, könnte man meinen. Ich erinnere mich an sprachlich etwas altmodische Kommentare von der Seitenlinie, wie „offenes Scheunentor!“, etc. Diese Begriffe fielen, wenn unsere Stürmer ihre Finisher-Qualitäten wieder mal verloren hatten.

Für den Angreifer sieht es in solch entscheidenden Momenten manchmal so aus, als gäbe es zwischen den Pfosten nur einen einzigen Referenzpunkt: den Torhüter.

Der/die Torwart*in kommt entgegen, verkürzt den Winkel, macht sich groß. Die Arme werden hochgerissen, rudern seitlich und nach oben. Hier wird natürlich die dominante Referenz verändert.

Ziel (Torabschluss) ≠ Auffälligste Referenz

Ich schrieb bereits, Fußballer*innen wollen nicht genau auf die Keeper schießen – bewusst wollen sie das Gegenteil: ins Tor treffen.

Unsere komplexen Bewegungsabläufe werden nicht nur von bewussten Absichten gesteuert. Sie orientieren sich an den Informationen, denen unser Wahrnehmungssystem im entscheidenden Moment Priorität gibt.

Der Torhüter ist

  • zentral positioniert
  • sich (auf uns zu) bewegend
  • körperlich präsent zumeist
  • emotional bedeutsam (folgenschwer)

Damit besitzt er alles, was ein Reiz benötigt, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb für die Angreifer*innen nicht nur: „Wohin möchte ich schießen?“

Sondern auch:

Welches Objekt organisiert in diesem Moment unbewusst meine räumliche Orientierung?

Wohin geht der Blick

Untersuchungen von Wilson, Wood und Vine konzentrieren sich bisher leider auf das Elfmeterschießen, nicht auf Spielsituationen (voriger Artikel). Erfahrene Fußballer sollten in unterschiedlichen Drucksituationen Elfmeter verwandeln. Dabei wurden ihre Blickbewegungen aufgezeichnet.

Interessant dennoch:

> Unter höherer Anspannung schauten die Spieler früher zum Torhüter und blieben mit ihrem Blick länger bei ihm (Link).

> Bewegungen von Torhütern lenkten die Schützen zusätzlich ab und es wurden mehr Elfmeter gehalten

> Bei Bewegung zielte der Abschluss zudem näher zum Torwart (Link).

Die Torwarte haben also durch ihre Moves den wahrgenommenen Zielraum organisiert.

Sinnvoller Ratschlag: „Nicht auf den Torwart!“

Wer jetzt ruft „Nicht auf den Keeper!“ oder „Schieß bloß nicht in die Mitte!“, der leistet einen Bärendienst. Denn rational können wir Negationen zwar verstehen, doch die Aufmerksamkeit kann sich nun auf das zu vermeidende Ziel richten.

Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass unwillkürlich genau das Abgeratene jetzt passiert:

  1. Um das Abgeratene zu vermeiden, muss seine mentale Repräsentation zunächst aktiviert werden.
  2. Unter Zeitdruck + Belastung wird die (zum inhaltlichen Gegenteil hin selbst abzuleitende) Kontrolle dieser Repräsentation schwieriger.

Für Elfmeter wurde auch das untersucht unter dem Stichwort „ironische Fehler“ (Link).

Das Problem ist also die implizite innere Suchanweisung: Um zu überprüfen, dass ich „nicht auf den Torwart“ schieße, muss mein Gehirn den Torwart lokalisieren. Der zu vermeidende Bereich bleibt aktiv – und wird ungünstigerweise zu einer stärkeren räumlichen Referenz.

WM 26 Team Niederlande – das Trikot „Hyper Crimson“

Kommen wir zurück zu den Spielsituationen – und ich versprach Ihnen im Cliffhanger: der Gegner schläft nicht. Denn zusätzlich zur „Bewegung als Referenzbeeinflussung“ wird hier interessant aufgerüstet.

Stichwort Visuelle Salienz: Das Trikot Hyper Crimson des niederländischen Fußballteams ist so dermaßen grell-rot, dass viele Zuschauer in den TV-Sendern anrufen und fragen, warum die Trikots so leuchten und flackern. In den Fernseh- und Streamingbildern ist durch das Chroma-Sampling die technische Grenze überschritten, und die Farbe läuft über die Objektgrenze hinaus – das Trikot „schimmert“ oder schein zu leuchten.

Bei Torhütern schon lange Mode: das grelle Trikot als Referenztrigger. Für das Spielfeld übertragen wir das jetzt mal hypothetisch und warten nicht auf Forschungsbelege:

Dann käme zur obigen Auflistung diese hinzu:

  • Trikots mit hoher Farbsättigung
  • Bei rot deutlicher Kontrast zum grünen Rasen
  • Fast vollständig einfarbige Ausstattung
  • Elf grelle, bewegte Farbflächen

Wir ahnen: die niederländischen Spieler sind im peripheren Sichtfeld nicht nur für ihre Mitpieler sehr schnell auffindbar – sondern beeinflussen vermutlich auch den Gegner spürbar.

Wie gesagt: die aktuelle Forschung zu Trikotfarben zeigt (noch) nicht, dass oder wie eine bestimmte Farbe automatisch Entscheidungsleistungen verändert.

Viele Torhüter*innen ziehen sich allerdings schon lange grell-farbprächtige Trikots an. Die grelle Trikotfarbe drängt sich in dem kurzen Momentum einer Torchance eben wieder als Referenz-Changer (Untersuchung bei Elfmetern) auf.

Hypnose leistungssport fußball

„Eiskalte Finisher“ wie Denis Undav

„Instinktsicher“, „eiskalt“ oder „abgebrüht“ werden Spieler*innen genannt, die trotz aller Referenzmanipulationen flach neben den Pfosten abschließen (können).

Ihre besondere Fähigkeit besteht vermutlich nicht darin, weniger wahrzunehmen. Sie sind besser darin, die für sie wichtige Wahrnehmung handlungsleitend zu machen.

Sie wissen genauso wie Andere, wo das Tor steht. Dieser Zielraum bleibt während ihrer Bewegungen aber ihre räumliche Referenz. Torhüter*innen können sich groß oder breit machen, winken, springen oder entgegenlaufen.

Ein wesentlicher Teil mentaler Stärke ist:

a) Nicht der stärkste Reiz bestimmt die Handlung.

b) Der/die Spielerin behält die gewählte Referenz.

Referenzsystem – das Tor im Kopf muss offen bleiben

Untersuchungen mit längeren Blickfixationen auf den Zielbereich haben – wieder nur bei Penalties – zu besseren Abschlüssen geführt. Leider, könnte ich entgegnen, sieht das im Spiel dann auch wieder der Torwart.

Doch in einem vorbereitenden, mehrwöchigen Trainingsprogramm hat eine Zielgruppe gelernt, die Aufmerksamkeit auf erfolgversprechende Zonen des Tores auszurichten. Danach schossen sie genauer, eher außerhalb der Reichweite des Torhüters und ihre Abschlüsse wurden seltener gehalten (Link).

Hier ist also etwas trainierbar. Und meine Anweisung lautete dann auch – zielführend, positiv und räumlich konkret:

a) Halte (das Tor als) den freien Zielraum.
b) Sieh die Lücke.
c) Lass das Tor bis zum Ballkontakt (Schuss) offen, 7,32 Meter…

Bedenke: Der Torhüter ist nicht das Ziel. 😉